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25. Januar 2023Vom eingebildeten Kranken zur Ärztin

Interview mit Regieassistentin und Choreografin Diana Young ...

Knapp 10 Kilometer entfernt von Pullman Citys Wildem Westen, in Zenting, lebt sie mit ihrem Ehemann und zahlreichen Tieren auf einer Ranch – Diana Young.
Die 58-jährige Fachärztin für Allgemeinmedizin, mit eigener Praxis für Haltungs- und Bewegungsmedizin, war schon immer ein Country- und Western-Fan und kam 2005 über den Line Dance in Egings lebende Westernstadt. Dort entdeckte sie ihre Liebe zum authentischen Wilden Westen und schloss sich den dortigen Hobbyisten an. Bei den Karl-May-Spielen ist sie von der ersten Stunde an mit dabei. Anfangs als Komparsin, ist sie heute als Regieassistentin die rechte Hand von Regisseur Mike Dietrich, choreografiert zudem die Tänze und sorgt mit Ehemann Heinz Giebermann für die Requisiten. Dabei wurde das Projekt „Karl May“ bei den Hobbyisten zunächst äußerst kritisch beäugt...  

(Sie lacht) Das stimmt. Der Märchenerzähler Karl May ist für viele von uns sozusagen das genaue Gegenteil von dem, was wir leben. Aber wenn man es einmal genauer beleuchtet, dann hat Karl May ja vor dem Schreiben auch sehr viel Recherche über die realen Bedingungen und Landschaften seiner Geschichte betrieben, hat sozusagen sein Märchen in die authentische Welt integriert. Damit ist er uns wieder ein ganzes Stück näher gekommen. Seine ausführlichen Schilderungen sind es ja auch, die manche Bücher sehr langatmig machen. 

Irgendwie hatte er, so sehe ich es zumindest, auch einen gewissen Bildungsauftrag. Seine Zielgruppe waren ja in erster Linie Jungs, weswegen übrigens auch kaum Mädchen oder Frauen in den Geschichten vorkommen... (wir lachen) Jedenfalls wusste ein Junge von 12 Jahren damals genau, wenn er ein Karl-May-Buch gelesen hatte, wie es in Wyoming oder Nebraska ausschaut. Das ist es wohl auch, was letzten Endes zur Akzeptanz bei den Hobbyisten geführt hat, von denen übrigens heute viele bei den Aufführungen mit dabei sind.

Das klingt, als hättest du dich schon länger mit Karl May beschäftigt.
Ich kenne alle Winnetou Bücher. Wir haben die ganze Serie zu Hause. Und wir haben schon als Kinder Cowboy und Indianer gespielt. Ich hatte als Kind sogar eine eigene Silberbüchse!

Was hat dich gereizt, das Abenteuer „Karl-May-Spiele Pullman City“ zu wagen?
Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen. Beim ersten Mal war ich gerade einmal sechs Jahre alt und spielte im Schultheater. Ich habe in verschiedenen Gruppen und Stilrichtungen getanzt, hab´ gesungen – zuerst Volkslieder, dann in einem Gospelchor und später in einer Country-Band. Als ich beschloss, Medizin zu studieren, wusste ich, dass ich eines meiner Hobbys würde aufgeben müssen, um mich voll und ganz darauf konzentrieren zu können, und das war in dem Fall das Theaterspielen. Damals habe ich mir gesagt: Wenn ich 70 bin, dann werde ich die neue Miss Marple... Und dann kam Karl May. Und ich bin noch keine 70! (Wir lachen) Meine größte Rolle war übrigens „Der eingebildete Kranke“ von Molière - Ich war der eingebildete Kranke.

Vom eingebildeten Kranken zur Ärztin... Was für eine tolle Überschrift! Wie fing es bei Karl May dann für dich an?
Im ersten Jahr, 2019 bei der Show „Winnetou und der Fluch des Goldes“, war ich Komparsin, und ich war die Zweitbesetzung für die Saloon Wirtin. In der Rolle bin ich sogar auch mal zum Zug gekommen! Da mir Organisatorisches prinzipiell im Blut liegt, hab´ ich schon damals auf der Hinterbühne so ein bisschen geschaut, dass die Abläufe passen und dort angepackt, wo gerade Hilfe gebraucht wurde. 

Womit wohl geklärt wäre, wie du schließlich an die Regieassistenz kamst... Aber wie wurdest du zur Choreografin?
Genau so. Ich wurde es einfach. Zu beidem kam ich, wie die Jungfrau zum Kind... (Wir lachen) Wie gesagt, hab´ ich hobbymäßig einiges mit Tanz gemacht, von Line Dance, über Volkstanz, bis hin zum Jazz Dance. Im „Fluch des Goldes“ gab es damals einen kleinen Tanz, wirklich keine große Sache, den ich aus meinem Repertoire zusammengestellt hatte. Im Jahr darauf, mit „Old Surehand“ unser erstes langes Stück, hatte ich mich zwar zwischenzeitlich als Inspizientin etabliert, aber ein Tanz wurde nicht wirklich gebraucht. 2021 beim „Bärenjäger“ dann schon. (Sie schmunzelt) 45 Tage vor dem Ensemble-Treffen sprach Mike (Dietrich) mich an, ob ich nicht einen Choreografen kenne... Ich kannte tatsächlich einen und nahm Kontakt auf. Damals dachte ich noch, dass der Tanz sehr authentisch sein müsse, aber als sich herausstellte, dass wir eher einen Show-Tanz brauchten, der indianisch angehaucht und die Zeit relativ knapp war, habe ich mich selbst bei Mike näher nach seinen Vorstellungen erkundigt. Aus all meinen Kenntnissen hab´ ich dann etwas zusammengebastelt und ihm vorgestellt. Es hat ihm gefallen, und in diesem Jahr hat er mir dann gleich im Vorfeld die Lieder geschickt.

Woher nimmst du deine Inspirationen?
Bisher aus meinen eigenen Erfahrungen und aus Bild- und Filmmaterial aus dem Netz. Und ich finde, wir haben es doch ganz gut hingekriegt.

Worin bestehen deine Aufgaben als Regieassistentin?
Notizen zu machen und daraus dann ein Regiebuch zu erstellen, sozusagen unsere Bibel.

Das musst du mir genauer erklären.
Ich bin an jedem einzelnen Probentag dabei und füge alle Regieanweisungen von Mike ins Textbuch ein. Zum Beispiel, wenn er dort eine Indianerin braucht, die aus dem Zelt kommt, an anderer Stelle jemanden, der ein Pferd hält oder hier vielleicht einen, der aus dem Saloon kommt... Ich notiere jeden Namen, der irgendwie, irgendwo mit irgendwas eingeteilt wird. Mittlerweile hat Mike soviel Vertrauen in mich, dass er mich fragt, wen ich mir für dies und das vorstellen oder wer eine kleine Sprechrolle übernehmen könnte. Auch die vielen kleinen Komparsen-Szenen, die sich bei seinen Inszenierungen im Hintergrund abspielen, durfte ich mir in diesem Jahr ausdenken. Das macht mich schon stolz.
Aus all diesen Infos erstelle ich dann das Regiebuch, sodass, wenn ich mal nicht da bin, jeder sich den Ordner nehmen kann und sofort sieht: Ah, der macht das und das... Das ist zum Beispiel sehr praktisch, wenn jemand ausfällt. Dann weiß man sofort, was an welcher Stelle ersetzt werden muss.  

Und was machst du während der Saison, wenn das Regiebuch erstellt und alle Tänze choreografiert sind?
Dann übernehme ich mit meinem Mann die Inspizienz auf der Hinterbühne. Mittlerweile ist das so viel geworden dass es einer alleine gar nicht mehr schafft. Zudem spielen wir beide noch mit, sind in die Tontechnik eingewiesen, falls mal ein Mikrofon ausfällt und kümmern uns um die Requisiten. Die ärztliche Versorgung all der kleinen und größeren Blessuren, die bei einem solch actiongeladenen Stück immer mal wieder vorkommen, liegt auch bei mir.   

Wann beginnt für dich die neue Saison? Heißt: Wann wirst du mit ins Boot geholt?
Die beginnt direkt im Anschluss an die alte (sie lacht). In diesem Jahr kam Mike gleich nach der letzten Vorstellung mit der Bitte zu mir, doch diejenigen aufzuschreiben, die aus dem aktuellen Ensemble auch im nächsten Jahr wieder dabei sein könnten. In der Regel setzen wir uns im Dezember zusammen, wenn das neue Textbuch steht. Mike stellt es meinem Mann und mir vor und wir machen uns Notizen bezüglich Tanz und Requisiten.

Über Heinz und deine Arbeit an den Requisiten werden wir ja in der folgenden Ausgabe genauer berichten.
Gehörst du eigentlich auch außerhalb von Karl May in irgendeiner Form zum Pullman City Team?

Nein, eine feste Funktion habe ich nicht. Je nachdem, wie es die Zeit erlaubte, habe ich früher „Western Cooking“ nach original Siedler Rezepten gemacht. Gekocht wurde mit und für die Gäste am Dutch Oven über dem Lagerfeuer, zuerst auf der Main Street, später dann auf unserem Claim, weil die Pferde sich vor dem Feuer und dem Rauch fürchteten. Jeder durfte probieren, so dass man sich vorstellen konnte, wie es damals 1865 geschmeckt haben könnte. Leider musste ich es aus Zeitgründen aufgeben.

Nun noch etwas Privates. Was bist du für ein Typ Mensch? Was bringt dich aus der Ruhe, was magst du, was kannst du gar nicht leiden und worüber regst du dich auf?
(Sie lacht) Wenn beim Heinz etwas nicht sofort klappt, dann verliert er die Geduld und das bringt mich dann wieder zur Weißglut. Freuen kann ich mich eigentlich über alles. Über gutes Essen, gemütlich mit meinem Mann draußen auf unserer Terrasse zu sitzen, die Aussicht auf die Alpen genießen und dabei ein Radler zu trinken, den Pferden zuzuschauen, wie sie über die Wiesen laufen... Einfach ein Traum! Es sind die kleinen Dinge des Lebens, worüber ich mich freuen kann.